Berlin
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[edit] Berlin
Und wie oft war ich in Berlin? Zuerst in den Urzeiten: Klassenfahrt, mit offizieller Besichtigung von Mauer, Check Point Charlie, Freiheitsglocke in Schöneberg und Kuratorium Unteilbares Deutschland, wo wir einen Vortrag und ein Geschenk (wahrscheinlich einen unteilbaren Zwieback oder so) verpasst bekamen. Wir wohnten im Sozialistischen Jugendheim „Die Falken“, drausen an der Mauer stand: „Im Mittelpunkt unseres Interesses steht der Mensch!“ und „Die Welt muss verändert werden!“ Zum Leidwesen unseres Klassenlehrers Herrn Oberstudienrat D. („Ihr solltet besser Steineklopfer werden!“) (jetzt fällt mir ein, dass ich mal auf ner Strumpfhosenparty seine Tochter Gesa geknutscht hab) fühlte die Mehrheit von uns ein antikapitalistisches Herz im Busen schlagen. (Aber was uns noch nicht ganz klar war: "Ein Sozialismus aber, der die Männervorherrschaft nicht abschafft, kann keinen Kommunismus aufbaun." (Irmtraut Morgner, Amanda, ein Hexenroman))
Was taten wir noch? Einen Abend im Schillertheater – bestimmt gabs Nathan den Weisen – und im Operettenhaus wirklich und wahrhaftig „My Fair Lady“ mit der Dingens, na der deutschen Original- Dingens, ah ja, Karin Hübner und Paul Hubschmid und Rex Gildo!!. Mir kommts vor, als ob wir die ganze Stadt damals noch in schwarz-weiß gesehen hätten... Therese M., die auch aus der Schweiz stammt, und ich fuhren am freien Nachmittag nach Ostberlin. Wenders hatte den „Himmel über Berlin“ noch nicht gedreht aber den „Spion, der aus der Kälte kam“ gab es schon. Wie fängt man es an, Selbsterlebtes und bloss indirekt Aufgenommenes, spätere und frühere Erinnerungen nicht zu vermischen? Ich sehe z.B. jetzt auch den jungen Manfred Krug vor mir, dazu Christa Wolf und die Fabelwesen der Morgner aus dem Schinken „Leben und Abenteuer der Trobadora Beatriz nach Zeugnissen ihrer Spielfrau Laura. Roman in dreizehn Büchern und sieben Intermezzos. (Broschiert) “ auf den smogzerfressenen Fensterbrettern der Wohnblocks sitzen, ja ich seh sogar Wolf Biermann (damals mochte man den noch) – aber ganz sicher ist das alles viel später angeeignet und früher passiert......
Gromi, die slowenische Frau Gräfin aus Maribor, hat mir später in Wien und Bodrum viel vom Berlin der Kriegszeiten erzählt, als sie im Hotelfach arbeitete und dann fast verschüttet wurde. Und selbstverständlich erzählten ALLE, besonders die Lehrer, in Westdeutschland damals von diesen Zeiten. Manchmal ist es fast schon, als hätte man manches selbst ein wenig erlebt. Aber selbst das Nachkriegswestberlin, Trizonesien, ist heut schon ein Mythos, es kommt mir vor wie ein etwas abgeschabtes, unmodisch gewordenes Schuko-Spielzeug mit dem Kranzler und der Kaiser Willem Gedächtniskirche und der Kongresshalle und so. Wir jedenfalls saßen damals im Kranzler, es war meine erste Klassenfahrt als Marburger Oberstufenschüler und ich integrierte mich dadurch sehr schnell in die ehm Gemeinschaft. Soweit zum ersten Mal.
The last trip to Berlin was with Dilek after we first met in Stuttgart, so it was a dream trip. We stayed in a hostel at Rosa Luxemburg Square, from our window we saw the red word „Ost“ on top of the theater, where we saw a fascinating Picasso-Revue the next evening. Mostly we strolled through „east“, to Dorotheenstädtischer Friedhof with tombs of Brecht, Weigel, Heiner Müller, Hegel! (Marx put him feet to the ground again), we went up and down Oranienburger- and Friedrichstrasse, we came near the Tränenpalast and Charité, we went down Unter den Linden and saw a big video installation by Bill Viola and wonderful arrangements of bicycles and their shadows at Humboldt-University, finally we took a ship on Spree up to the new Kanzleramt. But east we liked most. Three dream days were over in time of a happy smile.
Lesungen hatte ich drei oder vier in Berlin: in Pankow - Sonnenschuh - zweimal, im Podewill mit der Flussanthologie und eine mit dem Tagebau im Café Walden:
Ich erinnere mich. Das „Walden“ lag irgendwo nicht weit vom Potsdamer Platz Richtung NW, ich war mit Christine hergekommen, wir gingen durch dunkle enge Strassen mit Lücken zwischen den Häusern – jaja, ich hatte Emine Sevgi Özdamar gelesen – bis zu dem Café, wo sich eine ganze Reihe von Internetschreibern des Tagebaus trafen, unter anderem hehe Betty Bienenstich und Mone Hartmann, Madonna und Enno, die Münchnerin, wie hiess sie noch, Peter? ah die Suchmaschine wird’s schon rausfinden falls Leser interessiert sind, sie hatte ebenfalls so einen so verqueren Nick, Lachwurm?; Miranda die transsexuelle Engländerin war auch da, mit ihr verbrachten wir dann den Rest der Nacht in der Lounge des Hostels am Rosa Luxemburgplatz, weil die erste U Bahn erst um fünf? fuhr. Das Walden hatte sehr dunkle Tapeten mit Pflanzenmustern, einfache Holztische und –Stühle und Borschtsch und Blinis auf der Speisekarte. Die Lesebühne war winzig, aber es gab Scheinwerferbeleuchtung, Ansage und Musik vom Band . Christines weisse Bluse war bis zum Maximum des Schicklichen aufgeknöpft. Na klar waren wir am besten: „Allein Christine Asiaban ("tallinn") und Thomas Kutzli ("buh") durchbrachen den Imperativ der Medienselbst-Reflexion. Auch als einzige setzten sie sich zu zweit auf die schmale Bühne. Damit wurden sie der Auszeichnung der Arte-Jury am meisten gerecht, hatte diese ihre Verleihung doch mit ‚der Spannung, die durch Rede und Gegenrede sowie die dazugehörigen Kommentare‘ entstehe, begründet. Dialogisch und mit Umwegen über französische und italienische Literatur entwarfen Asiaban und Kutzli ein metaphysisches Sprachuniversum, dessen existentielle Seinsfragen den Rahmen "Ich und das Netz" furios sprengten.“(aus "telepolis" magazin für netzkultur)
Der „Sonnenschuh“ war eine noch viel verrücktere Tüte, ein Kulturzentrum, recht mitten in Pankow aber fast unauffindbar hinter einem Chinesischen Restaurant und hohen neuen Mehrfamilienhäusern versteckt, ein verfallendes, schönes altes Haus mit Park und Statuen und einem Holzschuppen, dessen Dach bei der zweiten Lesung bereits abgebrannt und durch eine Plastikplane ersetzt war. Ich fürchte, das ganze Anwesen ist inzwischen verschwunden? Stefan und seine Freundin, deren Name mir entfallen ist, betrieben den Laden, hausten ohne rechte Heizung und Licht und hielten ihren Optimismuslevel hoch. Der Beruf des Mädchens ist mir aber nicht entfallen, sie war Schusterin, deshalb „Sonnenschuh“. Sie hatte aber grade einen russischen Verführer kennengelernt und bebte in Erwartung... Im „Lesesaal“ in der Baracke ein Tisch, ein Sessel, rosa lasierte Wände und kaum Zuhörer – Stefan hatte vergessen, die Einladungen zu verschicken. Alle Flüsse fliessen ins Meer, stand darauf. Enno und seine Freundin Sabrina waren gekommen, das rechnete ich ihnen hoch an, außerdem Illy, eine Onlinebekannte, mit ihr fuhr ich nach Hohenschönhausen ins Plattenhochhaus. Sie hatte einen riesigen Rottweiler, der auch aufs Sofa und ins Bett hüpfte. Nahebei das Stadion der Eisbären Berlin, ehemals ein Stasiverein, sagte sie. Illy war ein Kader gewesen. Ihr Vater wahr wohl Russe aus Krasnodar. Sie hatte wenig von der Wiedervereinigung profitiert. Als ich zur zweiten Lesung kam, wohnte sie auch in Pankow. An der Strasse zur S-Bahn gab es ein wunderbares Café, alles Resopal, Käsesahnetorte und Currywurst waren gleich billig. Geständnis am Rande: für mich waren die DDR und die Russen romantische Sujets – und die alte BRD ein Hassobjekt. Das zweite Mal im Sonnenschuh – wohl ein Jahr darauf, gab es mehr Zuhörer und ich erreichte fast ein Ideal meiner Lesungen: die Texte kapitelweise in unserer Mitte auf dem Boden und die Zuhörer wählten aus: über Flüsse wiederum: die Donau, die Seine, der Rhein und die Wolga und natürlich die vier Flüsse des Paradieses. Später gingen wir raus an die Panke. Das war ein kanalisiertes Rinnsal viel zu flach sogar für ne Flaschenpost. Beschriebene Zettel schwammen so abwärts gen Wedding. Aber wie sollte so was jemals ins Meer münden? das glaubt ja kein Meerschwein. Ich umwickelte die Leute mit rotem Garn und ließ es gut sein.
Das Podewill ist ja nu mehr Mainstream. Wir waren zuvor im Gohliser Schlösschen in Leipzig gewesen, das erste Mal, dass ich unter Barockengeln und zu Vivaldi gelesen hatte. Wir waren ein eingespieltes Team geworden, Ute, die Übersetzerin und ich. Ich liebte den Text von Henry Miller und den von Jerofiew auch. Nebenan war ein spitzenmässiges Freilichtkino: man sah Berlins Sterne von da aus....
Ein andermal, aber es ist schon lange her, war Gartenbaulehrerkonferenz in Berlin, in einer Jugendherberge (mein Gott) irgendwo im Grunewald, am Wannsee, in Nikolassee? Irgendwo mitten zwischen Glienicker Brücke und Pfaueninsel, wo damals die „Endlösung der Judenfrage“ besprochen und entschieden wurde. Wir aber redeten über Obstbaumveredelung. Abends war es recht schwer, irgendwie in die Stadt zu kommen, weit schwerer als das Jahr zuvor in Offenburg. Aber irgendwie schafften wir es doch einmal nach Kreuzberg. Ich glaube ich war dafür initiativ. Doch man stelle sich vor, als wir zurückkamen, war die Herberge verschlossen, es gelang uns nach längerem Probieren, durch ein Fenster einzusteigen. Waren wir 14? Waren wir 16? Meine Vorstellungen über das Geschehen sind nun sehr vage, und doch könnten wir den Zeitpunkt bis auf die Minute genau feststellen. Wir betraten eine Eckkneipe. Wer waren wir? so fünf bis acht Leute, ich denke Marlies war dabei. Wir betraten eine Eckkneipe... Marlies, erinnerst du dich? Auf dem Bildschirm in dem Augenblick ein wunderschönes Feuerwerk mit langen Rauchspuren und einem Blütenkranz von Lichtpunkten, oh! und ah! riefen alle, ist das geil! Soeben war die amerikanische Raumfähre Challenger kurz nach dem Start verglüht.
Etwas später für zwei Wochen in Schöneberg. Wir hatten die Wohnung eines Beleuchtungskünstlers geliehen bekommen, ein Museum: der Tisch: aus Lämpchen, das Bett: ein Gitter aus Lämpchen, überall Gestyltes. Erst nach Tagen entdeckten wir eine Art Tapetentür, dahinter eine Kammer mit allen Dingen des Lebens mitsamt speckigen Bettüchern..... Die Wohnung selbst aber riesig, im Dachgeschoss eines typischen Wohnblocks: von der belebten Hauptstrasse gingst du durch den ersten und dann den zweiten Hinterhof und dann links unendlich viele Treppen hoch. Es war August und glühend heiß. Wir lagen auf dem Bett oder aßen beim Inder. Marina, die uns die Sache vermittelt hatte, war krank. Auf einer Freizeit mit Jugendlichen – im Wendland? oder am Köpenicker See? – hatte eine Zecke sich auf ihrer Kopfhaut eingenistet, nun hatte sie grad die Meningitis hinter sich und konnte mit ihren versteinerten Gesichtszügen kein noch so schmales Lächeln zustande bringen.
Ich hatte Marina auf einem Kunstseminar mit Johannes Stüttgen kennengelernt. Sie kam viel zu spät, wir hatten den Kunstbegriff schon na klar erweitert. Sie war so was von punkig in ihrem Ledermini und mit den roten Haaren. Gleich in der Mittagspause ging ich mit ihr auf der Oranienburger bummeln und in eine oder zwei Kneipen. Sie hatte kurz vorm Mauerfall aus Ostberlin rübergemacht. Jetzt war sie wieder da ;-) Ihr Nachname war Rohner, das zeigte schon, dass sie mit einem Schweizer verheiratet gewesen war. Sie war äusserst kompromisslos.
Da stand sie Modell:
Nänie übern Alex gehend
Aus Wunden blutend mit Marmorblöcken gepflastert bis zum Hals in der Scheiße und obendrüber Russenkäppi Pepsicola grelles Haar Henry Maske hat die Schnauze voll Stüttgen noch nicht ganz wir wechseln die Stühle doch auf den augenblicklich freien setzt sich ichweißnichtwer nichtseibeiuns So viel Seife so viel Seife wär’ gar nicht da Berlin zu waschen auch nur die Fingerspitzen
Jesus was a sailor when he walked upon the water schamlos bis über die Gürtellinie haben wir die Welt herunter- gewirtschaftet wir Hitler und andere was sind da schon Kugeleinschläge in den Buckelquadern der Gründerzeit Schönheitsflecken! Mensch Gründer Neuköllns: überleg dir’s noch mal wirf den Spaten über die Schulter mit der du die Stadt in Gang setzst
first cut is the deepest andererseits Narben zieren ©buh96
Und ein paar unsortierte Resterinnerungen:
- nie in Potsdam gewesen - den Herrn Lehmann noch nicht gelesen, dafür alles von Element of Crime gehört - Russendisco und anderes von Vladimir Kaminer reingezogen! - die unglaublich alten, welligen und tiefliegenden Strassenbahnschienen! wie in Belgrad - dafür sind die Stationsansagen vom Band wie bei Arteeeee geklaut - Good Bye Lenin hehe - die sogenannte Berliner Schnauze - ich goutiere die Namen mit –ow: „Kleinmachnow, Schildow, Treptow, Teltow“ - „Wir Kinder vom Bahnhof Zoow“ - die Siegessäule von der S-Bahn aus - der rote Schal von Ströbele - die paar „alten“ Häuser südlich vom Rathaus, in einer der dortigen Kneipen saßen Gysi und Trittin beim Tète à Téte als wir ankamen - Sasha Waltz: “Körper” - die Zigarre, die aus dem frischen Grab von Heiner Müller emporwuchs. - der alte und der neue Potsdamer Platz. Homer. Schlaflosigkeit - die Kamelien im Botanischen Garten - die Dönerbude an der Karl-Marx und der Interregio vom Bahnhof Lichtenberg. Und nebendran stand der Zug nach Moskau - Das Lokal unterm Gewölbebogen der Bahn bei Friedrichstrasse, Matt, weißt Du wie’s heißt? gibt gute Bratkartoffeln da
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